Die komischsten und lustigsten Zuggespräche
Die 80-jährige Profiflirterin
Die 80-jährige Profiflirterin

Die 80-jährige Profiflirterin

«Nei,nei. Weisch, ich gang efach immer zu ihm uf en Kafi, aber zu mir ihlade tueni ihn sicher ned. Du weisch nie, was die Manne nacher mit dir mached.»

Inmitten eines Telefongesprächs einer 80-jährigen Dame und ihrer Kollegin, die irgendwo auf einem Hügel in der Nähe von Flums wohnt. Wieso ich das weiss? Naja, ich vermute, die gute Dame hört nicht mehr allzu gut. Deshalb redet sie nicht nur in ihr Telefon hinein, sondern schreit durch den ganzen Wagon. Einige Köpfe haben sich schon umgedreht, um zu erfahren, welches Gesicht sich hinter dieser penetranten Stimme versteckt.

Aber zurück zum Anfang: Es ist Ende April, ca. 21.30 Uhr und ich sitze mit Skischuhen und Skianzug im Intercity von Chur nach Zürich. Ja, ich war in diesem warmen Wetter noch Skifahren, ja es hatte noch Schnee und ja, ich hatte schon ein paar Gläser Prosecco intus. Ausserdem ist mein Handy-Akku fast alle. Das ewige Dilemma mit der Kälte und dem iPhone…

In Sargans setzt sich eine ältere Frau ins Abteil gegenüber. Weinrote Winterjacke. Graue, gelockte Haare. Goldene Brille auf der Nase. So eine Omi halt, wie im Bilderbuch.

Sie kramt ihr Handy aus der Tasche und starrt auf den Bildschirm. Danach wählt sie mit dem Zeigefinger irgendetwas aus. Es ist ein Smartphone – also alles mit Touch. Auch ein Ladegerät hat sie dabei. 1:0 für die Dame, sie ist besser vorbereitet als ich.  «Ja hoi, Renate (Name geändert.)» Von diesem Moment an wusste ich, wie sich ein Lärmpegel von über 80 Dezibel wohl anfühlt. Na gut, ich übertreibe, aber es war wirklich sehr laut!

Die alte Dame erzählt jetzt Renate, warum sie in der Gegend sei. Sie erzählt, sie habe Roland (Name geändert) besucht und danach mit ihm im Fernsehen die Kunstturnerinnen angeschaut. «Giulia Steingruber, weisch. Hett Gold gwunne, weisch.» Nach dem Spektakel im Fernsehen sei sie beim Grillen bei anderen Bekannten gewesen und einer von ihnen (Köbi wahrscheinlich) habe sie jetzt zum Bahnhof gefahren. «Ja, mir hend eus no verschnurred, weisch.» Das bezweifle ich keine Sekunde...

Nach ein bisschen Small-Talk packt sie aber dann richtig aus. «Ja de Nachber, isch en ganz en Nette, weisch. En richtig ahständige Maa.» Der Freundin versichert sie aber, dass sie ihn bei sich zu Hause auf keinen Fall haben möchte. Männer seien nämlich immer nur auf das eine aus. Die wissen zu gut, wie sie dich um den Finger wickeln können. «Weisch, ich bin gern allei, das macht mir nüüt us. Isch mer lieber so, als so eine zha, woni ihm nacher jede Tag choche muess, weisch.»

«You go girl!», denke ich. Gleichzeitig konzentriere ich mich darauf, unauffällig in die Leere zu starren. Keinesfalls sollte sie bemerken, dass ich ihr Gespräch belausche. Aber mit dieser Lautstärke weiss zumindest ab diesem Zeitpunkt der ganze Wagon, wie ihre Einstellung zu Männern ist. Ausser den glücklichen Leuten mit Noise Cancelling Kopfhörern. Sicher blenden die auch 80 Dezibel aus.

«Ich muss s Billett füre hole, de Kondukteur chunnt, weisch.» Jetzt wird es kompliziert. Wo soll sie ihr eingestecktes Handy hinlegen?  Auf die Tasche geht nicht, dort drinnen ist ihr Billett. Auf die Tischablage geht auch nicht, dafür ist ihr Ladekabel zu kurz. Der Kondukteur wartet neben ihr geduldig. Sie macht zweideutige Witze. Keine lustigen Witze. Hat sie gerade den Kondukteur angemacht?! Dieser lacht höflich, die Augen bleiben gelangweilt. Autsch!

Jetzt geht es ums nach Hause kommen. Im Dunkeln. «Weisch das macht mir nüüt us. Ich han de Schlüssel immer i de Hand, denn bini schneller.» Sympathie kommt in mir auf. «Mit dene Usländer hüt zu Tags, muesch ebe immer ufpasse, weisch. Chasch nie wüsse, was die wieder mached. Uf zmal chunnt so eine usem Busch use und nimmt dich.» Okay, bye! Sympathiepunkte sind verflogen. Zum Glück fährt der Zug gerade in Zürich ein. Ich packe meine Skier, stelle mich schon einmal vor die Tür und hoffe innerlich, die Omi fährt nicht dieselbe S-Bahn wie ich.