Die komischsten und lustigsten Zuggespräche
Die «Neeei Shaaaatz»-Lady
Die «Neeei Shaaaatz»-Lady

Die «Neeei Shaaaatz»-Lady

Ein warmer Nachmittag im Sommer. Ich sitze in der S15 von Rapperswil nach Zürich. Ein alter Wagon, indem die Klimaanlage sich abrackert, die Luft frisch zu halten. Statt frisch ist es aber eher muffelig. Die Zugfahrt, die sich wie Kaugummi in die Länge zog, wurde auf einmal interessant. Grund dafür ist die Lady, die in Wetzikon dazu stieg.

Nennen wir sie Cheyenne. Cheyenne steigt in den alten S-Bahn-Wagon mit einem Dosenbier in der Hand. Hinterster Platz, Abteil mit zwei Sitzplätzen. «NEEEI SHAAAAAATZ!», kräht Cheyenne in ihr Telefon. «Grosses Kino», denke ich mir. Insgeheim freue ich mich auch ein klitzekleines bisschen, dass ich den perfekten Platz habe, um sie zu beobachten. Denn ich sitze gerade versetzt ein Abteil vor ihrem, sodass ich direkt durch den Spalt der Sitze spähen kann. Dunkler Teint, schwarze gestreckte Haare, auf dem ganzen Körper Tattoos. Hose und Oberteil (wenn man von Oberteil sprechen kann) bedecken gerade das Nötigste. Die zwei Melonen wurden auf jeden Fall lieblos zusammengequetscht und hochgepusht, dass sie fast wieder aus dem «Oberteil» herauskullerten. Die Maske bedeckte ihren Mund mehr schlecht als recht. Dabei entblösste sich ein glitzerndes Nasen-Piercing.

«NEEEEEI SHAAAATZ, sicker nöööd!» Brüllt sie zum gefühlt 1000-mal in ihr Telefon. Ich befürchte, Cheyenne und ihr Freund hatten schon rosigere Zeiten hinter sich. Denn dieser Streit zwischen ihnen beiden eskaliert gerade. So viel ich mitgekriegt habe, vermutet der Freund, sie sei fremdgegangen. «Ick bin bi minere Mueter gsiii!!!», stellt Cheyenne ihrem Freund klar. Kein überzeugendes Argument für ihn. «Dörf ick ned emal zu minere Mueter gah oder waaaas?!?!?!», ruft sie empört. «SHAAAAATZ, Neeei SHAAAAAATZ!» Ich beginne mir vorzustellen, wie ihr Freund wohl aussieht. Gangster-Boy? Vergoldete Zähne, Tattoos und Goldketten… Punk? Farbiger Irokese, Halsband mit Nieten, zerfetzte Kleider, Piercings im Gesicht und in den Ohren. Nein, viel zu klischeehaft.

«SHAAATZ LOS MIR ZUEE!» Cheyenne unterbricht meinen Tagtraum. «Ick dörf sicker no bis am 9ii dusse sii.» Ist da wohl ein Helikopter-Freund am Apparat? «Ick bin ja am 9ii diheeiii, duen nöd sooo!» Der Zug fährt in Uster ein. Hastig schnappt sie ihre Bierdose und stakst zur Tür, immer noch daran, sich wild zu verteidigen. «Arme Cheyenne», denke ich beim Weiterfahren nach Zürich. Du hättest einen Besseren verdient.