Die komischsten und lustigsten Zuggespräche
Die drei Senioren (und eine erwärmte Bündner Nusstorte)
Die drei Senioren (und eine erwärmte Bündner Nusstorte)

Die drei Senioren (und eine erwärmte Bündner Nusstorte)

Es ist Dienstag, 17.00 Uhr. Eine anstrengende Woche. Schon jetzt. Ende Woche muss nämlich ein grosses Projekt für die FH fertig sein. Ein grosses, nervenauftreibendes Projekt. Zeitstress pur. Dementsprechend nehme ich meinen Laptop hervor und setze die Kopfhörer auf. Stille. «Gut so», denke ich zufrieden und atme auf. Alles, was ich mir in diesem Moment wünsche, ist maximale Effizienz von Chur nach Zürich. Zwei Senioren setzen sich zu mir. Einer (ich nenne ihn Hans) in mein Abteil, der andere (sagen wir Fritz) schön coronakonform ins Abteil gegenüber zu einem anderen Herrn.

Hans und Fritz waren im Engadin und genossen dort die herrliche Natur. «En Traum» sei es gewesen. Zu erzählen haben sich die zwei jedoch nicht mehr allzu viel, sie sind beide etwas erschöpft von der Reise. Sie kommen aber auch nicht weit mit ihrem Gespräch. Als nach einer längeren Pause Fritz etwas zu Hans sagt, klinkt sich der dritte Herr im Abteil dazu. Auch ein Senior. Auch er war heute in den Bergen wandern. In diesem Moment ahnt Fritz noch nicht, dass er in wenigen Momenten dessen Lebensgeschichte erfahren wird.

Zuerst einmal wird aber über Corona gesprochen. Klassischer Small-Talk in der heutigen Zeit. Der dritte Herr im Abteil (ursprünglich ein Berner) ist der Ansicht, Alain Berset hätte nicht gut gehandelt. Zu viele Massnahmen. «Am Schluss dörfsch denn gar nüüt meh.» Fritz ist sich unsicher, was er wohl antworten soll. Er entschied sich für das diplomatische «jaaaja» und ein mitfühlendes Kopfnicken. Manchmal wechselt er sich aber auch mit einem «jaja du» ab.

Hans wird es langsam zu blöd. Er bemüht sich nicht mehr, dem dritten Herrn im Abteil zuzuhören. Hans will nun seine frisch gekaufte Bündner Nusstorte auf die Ablage legen, auf welcher mein Laptop am Arbeiten ist. Also verschiebe ich meinen Laptop so, dass die Nusstorte gerade noch Platz hat. Zufrieden lächelt er mich an. Gerngscheh. Nun nimmt Hans sein «Zvieri-Böxli» heraus. Fünf Blevita, zwei Schöggeli und ein Apfel. Nebeninfo: Der Apfel war nicht geschält und geschnitten. Schade. Es hätte als das perfekte «Bünzli-Zvieri-Böxli» durchgehen können. Vorsichtig nimmt Hans seine Maske ab und beginnt auf einem Blevita nach dem anderen zu kauen. Die Schöggeli hebt er sich für später auf. Krasse Selbstbeherrschung.

Währenddessen packt der dritte Herr im Abteil seine Lebensgeschichte aus. Er habe einen Herzinfarkt gehabt und sei deshalb nun viel gesünder unterwegs. «Ig machä äuä viu meh Sport.» Auch Alkohol trinke er nicht mehr. «Ha drmit Probleem gha.» Seitdem er sein Leben umgekrempelt habe, gehe es ihm viel besser. «Ha kei Probleem meh.» Fritz hat jetzt vom «jaaja» zum «aah ja» und «ah ja du» gewechselt. Der dritte Herr im Abteil erzählt weiter aus seinem Leben. Wie er seine Liebe zum Wandern entdeckt habe, welche Wanderrouten er wunderschön fände und welche Ziele er noch habe.

Die Europaallee ist aus dem Fenster zu sehen. Ich nehme meine Kopfhörer ab und beginne, meine Sachen hastig in den Rucksack zu verstauen. Auch Hans will seine Sachen einpacken. Als er die Bündner Nusstorte anfasst, rutscht ihm ein «ou die isch denn aber choge warm worde» heraus. «Mein Laptop hat etwas fest arbeiten müssen», entschuldige ich mich bei Hans. Fritz lacht sympathisch. Nun verabschiedet sich der dritte Herr im Abteil und läuft im Stechschritt schon einmal zum Ausgang. Beim Aussteigen höre ich noch, wie Hans Fritz fragt, was der dritte Herr im Abteil ihm denn erzählt habe. Er hätte ihn nicht gut verstanden. Fritz antwortet: «Isch en Berner gsi. Han ihm aber au nöd immer folge chönne.» ÄUÄÄÄ.