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Die Knutschfleck-Besserwisserin
Die Knutschfleck-Besserwisserin

Die Knutschfleck-Besserwisserin

Unterwegs von Uster nach Rapperswil. Hungrig, denn ich bin zu einem Brunch eingeladen. Die Sommerferien haben schon begonnen, die Sonne scheint – perfektes Wetter für einen Ausflug. Das haben sich wahrscheinlich auch die zwei im Abteil neben mir gedacht. Zwei Teenager, im Alter von etwa 17 Jahren. Frisch verliebt. Zumindest nehme ich das an. Oder die drei Knutschflecken am Hals des Mädchens sagen es mir. Naja, es ist auch zu heiss für Rollkragenpulli oder einen Schal.

Die zwei Teenager sitzen sich gegenüber und teilen sich Trauben. Natürlich nicht aus dem Plastiksack, sondern aus einem Tupperware. «Das ist wieder reusable, ne», erklärt das Mädchen ihrem frischen Freund. Dieser sitzt stillschweigend da, Trauben kauend. Die Schulter hängen so herunter, wie die Haare ins Gesicht. Irgendwelche kleinen Fische zieren sein T-Shirt. Offenbar haben die Fische auf seinem Shirt mehr zu lachen als er selbst. Schade. Draussen scheint doch die Sonne. Sie redet weiter, er hört nur zu. Es geht um ein Feriencamp, vermute ich. Eigentlich bin ich in einem Webex-Meeting, um ein Projekt fürs Studium zu planen. Ich muss aber immer wieder mit einem Auge hinüberspähen. Das Happening neben mir ist viel spannender.

Die zwei Turteltäubchen im Abteil neben mir packen jetzt ihren Proviant aus. Ich bin hungrig. Und neidisch auf die zwei. Ich muss aber noch gut zwanzig Minuten warten, bis ich meinen Magen füllen kann. Bei meiner Gruppe entschuldige ich mich deshalb für meine mangelnde Aufmerksamkeit. Momentan hat mein Gehirn die Kapazität von einem Goldfisch. Fun fact: Diese sind nicht auf dem T-Shirt vom Freund abgebildet.

Zurück aber zu den Teenagern. Der Fisch-T-Shirt-Freund kommt nämlich jetzt zum ersten Mal zu Wort: «Och neee, ich habe die Schinkensandwiches zuhause vergessen.» Für die Knutschfleck-Besserwisserin geht das voll in Ordnung: «Weisst du, das ist sowieso besser. Die Tiere sterben dafür, dass wir sie essen können, ne.» Sichtlich erschwingt, fährt sie über das Thema mit einem Monolog fort. Den Fisch-T-Shirt-Freund freut’s weniger. Hat er zu wenig geschlafen letzte Nacht? Plötzlich hält die Knutschfleck-Besserwisserin für einen kurzen Moment inne. Was jetzt wohl kommt. Mit einer ruckartigen Bewegung dreht sie sich zur linken Seite um und greift in ihre Tasche. «Ich wollte dir noch dieses Buch schenken.» Sie fände es sehr spannend und eindrücklich. Nein wie herzig! Leider freut sich der Fisch-T-Shirt-Freund aber auch darüber nicht sonderlich. RIP Bäume im Amazonas, die für dieses Buch sterben mussten. Wahrscheinlich wird er dieses Buch nie lesen. Ausser die Freundin wird akribisch jede Woche nachfragen. Oder noch besser: Einen Fragebogen erstellen, welcher er jede Woche abarbeiten muss.

Okay, ich sollte jetzt wirklich dem Meeting folgen und teilnehmen.